· 

Electrify-BW, BEM und ADFC: Landesbauordnung von Baden-Württemberg muss Fahrräder und Elektro-Fahrzeuge angemessen berücksichtigen

Bessere Rahmenbedingungen führen dazu, dass mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen und weniger Fahrten mit dem Pkw machen. Bild: Rheinhessen Touristik GmbH
Bessere Rahmenbedingungen führen dazu, dass mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen und weniger Fahrten mit dem Pkw machen. Bild: Rheinhessen Touristik GmbH

In Baden-Württemberg steht eine Reform der Landesbauordnung an. Electrify-BW, der Bundesverband eMobilität und der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club Baden-Württemberg (ADFC BW) appellieren gemeinsam an die Politik, die Landesbauordnung für die Herausforderungen der Zukunft zu rüsten.

 

In der Diskussion um die Reform der Landesbauordnung geht es vor allem um Fahrrad-Stellplätze und die Begrünung von Gebäuden in Betonwüsten.

Teile der Landesregierung haben diese beiden Punkte als nicht zumutbare Kostentreiber identifiziert, die die Bautätigkeit im Land ersticken würden. Sie wollen mit der Reform der Landesbauordnung diese beiden Punkte ersatzlos streichen.

 

Fakt sei jedoch, dass die Bauwirtschaft in Baden-Württemberg boomt und zahlreiche neue Wohngebäude entstehen. Die Bauwirtschaft sei komplett ausgelastet. Es sei also nicht davon auszugehen, dass die Bautätigkeit durch die Streichung der verhältnismäßig günstigen Fahrradstellplätze signifikant steigen würde, betonen die Verbände. Auf der anderen Seite würden zahlreiche Wohngebäude entstehen, die nicht auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet sind. Diese Immobilien würden dadurch mittelfristig an Attraktivität und damit an Wert verlieren.

 

 

Mobilitätswende, Klimawandel und neuen Wohnraum gemeinsam denken

 

Unbestritten sei, dass geeignete Maßnahmen gefunden werden müssen, um dem Wohnraummangel etwas entgegensetzen zu können. Auf der anderen Seite dürften die Städte zu unattraktiven Betonwüsten werden. Die mikroklimatische Wirkung von Begrünung im Stadtraum sei unbestritten. Durch den Klimawandel sei auch in Baden-Württemberg mit einem Anstieg der mittleren Temperaturen zu rechnen. „Wir müssen also bereits heute dafür planen, dass die Wohngebäude von morgen, für diese Herausforderungen gerüstet sind“, heißt es in der Pressemitteilung.

 

Das Fahrrad hat einen Anteil von zwölf Prozent am Verkehr

 

Das Fahrrad ist heute ein wichtiger Verkehrsträger und seine Bedeutung in einem intermodalen Verkehrsansatz wird weiter steigen. Bereits heute nutzen 30 Millionen Menschen in Deutschland mehrmals in der Woche das Rad. Insgesamt hat das Fahrrad somit einen Anteil von zwölf Prozent am Verkehr. Es zeigt sich immer wieder, dass bessere Rahmenbedingungen dazu führen, dass mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen und weniger Fahrten mit dem Pkw machen.

 

Sichere und bequeme Abstellmöglichkeiten für Fahrräder nötig

 

Dazu gehört auch, dass die Fahrräder am Wohnort sicher verwahrt werden können. Gerade der Boom bei Pedelecs, die teurer und schwerer als Fahrräder ohne Motor sind, führt dazu, dass sichere und bequeme Abstellmöglichkeiten für Fahrräder in Wohngebäuden unerlässlich werden. Noch mehr auf geschützte ebenerdige Parkplätze sind Lastenfahrräder angewiesen.

 

Im Vergleich zu einem Pkw-Stellplatz ist der Platzbedarf für ein Fahrrad verschwindend gering. Mit modernen Aufbewahrungssystemen sinkt der Platzbedarf pro Fahrrad auf unter einen halben Quadratmeter. Dementsprechend ist die Bereitstellung von Fahrradabstellplätzen in Wohngebäuden vergleichsweise preisgünstig möglich.

 

„Wer heute meint, dass verpflichtende Fahrradabstellanlagen in Wohngebäuden das Bauen erschweren, verkennt die gesellschaftlichen Entwicklungen hin zu einer nachhaltigen Mobilität und erkennt die wahren Erschwernisse des Bauens nicht“, sagt Gudrun Zühlke, Landesvorsitzende des ADFC Baden-Württemberg. „Wenn die Abstellanlage intelligent geplant ist, wird der Platz mit den Bewohnern alt, dann lassen sich z.B. Kinderwagen, Fahrräder und Rollatoren dort abstellen.“

 

 

Verkehrsträger nicht gegeneinander ausspielen

 

Auch in Zukunft wird das Automobil eine wichtige Rolle bei der individuellen Mobilität spielen. Es ist abzusehen, dass sich mittelfristig neue Technologien wie die Elektromobilität durchsetzen werden. Es sind also zwingend beim Bau neuer Gebäude Lösungen für eine steigende Anzahl von Elektro-Fahrzeugen (auch Pedelecs und Lastenfahrräder) mitzudenken, betonen die Verbände.

 

 

Elektro-Ladeinfrastruktur bei Wohngebäuden und beim Arbeitgeber wird eine zentrale Rolle spielen

 

Anders als Autos mit Verbrennungsmotor werden Elektrofahrzeuge überwiegend dort geladen, wo sie lange stehen. Ladeinfrastruktur an Parkplätzen an Wohngebäuden und beim Arbeitgeber wird hier eine zentrale Rolle für den Erfolg der Mobilitätswende spielen.

 

 

Nachfrage nach Elektrofahrzeugen wird massiv steigen

 

„Man darf sich von den verhältnismäßig niedrigen Zulassungszahlen bei Elektrofahrzeugen heute nicht täuschen lassen“, sagt die Sprecherin von Electrify-BW, Jana Höffner. „Es ist zu erwarten, dass die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen mit der kommenden breiteren Modellvielfalt massiv steigen wird. Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen ist bereits so groß, dass viele Hersteller Lieferzeiten von über zwölf Monaten haben“.

 

Die Reform der Landesbauordnung müsse daher solche Szenarien mitdenken. Die nachträgliche Installation einer Ladestation an einem Wohngebäude kann ja nach Aufwand bis zu 10.000 Euro kosten. Im Schnitt belaufen sich die Kosten auf etwa 2.000 bis 4.000 Euro.

 

Der Hauptkostentreiber sind Installations- und Verlegearbeiten, die durch Erdarbeiten oder Kernbohrungen entstehen. Die kostengünstige Verlegung von Leerrohren zur nachträglichen Installation von Ladeinfrastruktur an Stellplätzen und in Tiefgaragen bereits in der Bauphase senkt die Kosten erheblich. In diesem Zuge sollten auch bereits Plätze für getrennte Stromzähler im Hauptschaltkasten vorgesehen werden.

„Wir hören immer wieder Klagen von Menschen, die sich gerne ein Elektrofahrzeug anschaffen würden; derzeit aber keine rechtliche Handhabe haben, am Stellplatz ihrer Eigentums- oder Mietwohnung einen Ladepunkt einzurichten. Andere schreckt der hohe finanzielle Aufwand, um einen Ladepunkt zu errichten, ab“, berichtet Höffner.

 

 

Höhere Anforderung an Gebäude auf Bundesebene und in der EU

 

Die Große Koalition hat sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf verständigt, den Einbau von Ladestellen für Elektrofahrzeuge von Mieterinnen und Mietern sowie Wohnungseigentümerinnen und Wohnungseigentümern rechtlich zu erleichtern.

 

Die EU sieht vor, dass ab 2025 Hausbesitzer auf eigene Kosten mindestens eine Ladesäule für E-Fahrzeuge installieren müssen, wenn auf dem Parkplatz des Gebäudes mehr als zehn Stellplätze vorhanden sind. Die Investition von wenigen Euro in ein Leerrohr beim Bau, kann also Eigentümern und Mietern viele tausend Euro sparen. Die Leerrohre können darüber hinaus auch für andere Zwecke, wie die nachträgliche Verlegung von Glasfaserkabeln bis in die Häuser verwendet werden.

 

 

Eigentümer und Mieter müssen das Recht haben, sich auf eigene Kosten eine Lademöglichkeit an seinem Stellplatz zu installieren

 

Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbands eMobilität (BEM): „Wer seinen Käufern oder Mietern eine Lademöglichkeit anbieten kann, steigert mit zunehmender Verbreitung der Neuen Mobilität auch den Wert seiner Immobilie. Das Leerrohr für wenige Euro ist also nicht nur eine sinnvolle, sondern auch eine lohnende Investition. Hier ist nun insbesondere auch der Gesetzgeber gefordert, endlich klare und sinnvolle Regelungen unter anderem für Eigentumsgemeinschaften zu treffen. Jeder Eigentümer und Mieter muss das Recht haben, sich auf eigene Kosten eine Lademöglichkeit an seinem Stellplatz zu installieren.“

 

 

Intelligentes Management von Last- und Bedarfsspitzen

 

Kurt Sigl sieht zudem kein Problem darin, künftig mehrere Fahrzeuge gleichzeitig laden zu können. „Derzeit gehen Negativ-Szenarien zum Laden von Elektrofahrzeugen immer von einer Gleichzeitigkeit von 1 aus. Das heißt, dass alle ihr Auto zur gleichen Zeit aufladen und in der Folge das Netz zusammenbricht. Dem ist allerdings nicht so. Unsere Mitglieder haben hierfür längst fertige Lösungen in Form eines intelligenten Lastmanagements entwickelt. In Zukunft wird eine bidirektionale Ladeinfrastruktur in einem SmartGrid zudem die weitere Integration Erneuerbarer Energien ins Stromnetz fördern, einige Millionen eFahrzeuge mit Strom versorgen und gleichzeitig den geforderten Netzausbau durch einen intelligenten Umgang mit Last- und Bedarfsspitzen in vertretbaren Grenzen halten.“

 

„Wir müssen endlich aufhören auf Probleme von heute mit Technik und Lösungen aus den 1970er Jahren zu reagieren“, ergänzt Jana Höffner. „Die Digitalisierung bietet uns heute schon zahlreiche Konzepte für eine intelligente Ladesteuerung. Wer heute die besten Konzepte und Systeme entwickelt, kann sie morgen weltweit vermarkten.“

 

 

Electrify-BW e.V., Bundesverband eMobilität e.V., ADFC Baden-Württemberg e.V.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0